Das Leben eines Primaten Diplomaten Diplomanden ist hart. Freie Wochenenden, die durch gar willkürliche Aneinanderreihung von christlichen Feiertagen mehr als nur grundlos verlängert werden, wollen mit Spiel, Spaß, Spannung und Unterhaltung gefüllt werden. Gar nicht so leicht, wenn man in einer Stadt lebt, deren komplettes Nachtleben man an guten Tagen in zwei Nächten mit dem Fahrrad erschließen kann.
Zumindest die höherklassige Abendgestaltung in Gesellschaft von Menschen, die nicht unbedingt mit der Spritze im Arm oder an der Pillenbox hängend geboren wurden, stellt da manchmal ein Problem dar, das sogar die Architekten der Cheops-Pyramide erblassen lassen hätte.
Cocktails sind da immer eine gute Idee.
Denn bei Cocktails kann man nichts falsch machen:
- Entweder sind die Cocktails einfach gut, weil der Barmann es drauf hat, seinen Job mit Liebe und Erfüllung macht und mit jedem Glas einen Hauch seines persönlichen Mojo Engagements verbreitet…
- …oder die Cocktails sind aus der Konserve, dafür dann aber billig und ausreichend ansprechend gemixt, um sich fürstlich den Grenzen der hausgemachten Alkohol-Dialyse zu nähern…
- …oder der Barmann und die Cocktails sind von der Qualität eines abgehangenen Herings mit Madenbefall. Dann aber erkennt man dies sofort an den flüchtenden Kakerlaken beim Öffnen der Eingangstür. Oder am Brechbecken, das praktischerweise vom Klempner direkt an jedem Tisch montiert wurde.
Leider existieren aber auch Mischformen dieser Schubladen:
Die Cocktails können gut, aber das Personal schabig schäbig sein. Und die Kakerlaken flüchten nicht Richtung Ausgang, sondern ins Herrenbad.
Kann ja niemand ahnen, dass es zur Belastungsobergrenze einer Cocktailschubserin gehört, wenn fünfzehn Tische gleichzeitig nichts bestellen und dabei auch noch die Dreistigkeit besitzen, sich bei angenehmer Musik angeregt zu unterhalten, ohne dabei jegliche Inanspruchnahme des Barpersonals zu tätigen. Da würde ich nach kurzer Zeit auch in Existenzängste verfallen und mit dem Bau von Kartenhäusern aus kreisrunden Bierdeckeln beginnen, um beim Aufkommen einer zweigläsigen Bestellung in panische Hektik zu verfallen, wie sie sonst nur von achtjährigen Mädchen zu Weihnachten bekannt ist, wenn ihnen vorgegaukelt wird, dass in dem halb-Schuhkarton-großen Paket ein Pony samt Stall und Schönheitswettbewerbspokal steckt.
Dass unter solch stressbehafteten, menschenrechte-verletzenden Arbeitsbedingungen, vor denen sogar unterbezahlte chinesische Bergmänner ehrfurchtsvoll zurückschrecken, solch simple Tätigkeiten wie das Austauschen eines abgebrannten Teelichts zur illosorisch-unlösbaren Aufgabe verkommt, dürfte jedem auf den ersten Blick klar werden. Teelichte zeichnen sich schließlich nicht nur durch ihre außergewöhnlich unhandliche, sondern auch zeitgleich extrem schwere Bauform aus, die es unmöglich macht, sie ohne anmeldepflichtigen Schwertransport über eine Strecke von zehn Metern von der Bar zum Kundentisch zu bringen. Freundliches Personal verweist angesichts dieses immensen Aufwands gern auf “den stressigen Abend, an dem so viel zu tun ist”, um den geliebten Kunden nicht mit technischen Details und Gesetzestexten zum langwierigen Prozess der Teelichttransportgenehmigungen zu langweilen.
Ebenso verhält es sich mit den ausgefallen-kulinarischen Wünschen der gehobenen Gesellschaft, der es danach gelüstet, abends ein paar Nachos zu schnabulieren:
Das Umfüllen von reiner und somit als Gefahrengut deklarierter Guacamole in kundengerechte Portionsschälchen gehört zu den Tätigkeiten, die nur staatlich zertifizierte Kochchemiker mit explosionsgeschützter Kleidung im hermetisch abgeriegelten Sicherheitsraum vornehmen dürfen – und auch das nur vor 22 Uhr, damit bei unvorhersehbaren chemischen Reaktionen die Nachbarn der Bar nicht durch Explosionsgeräusche und erdbebenartige Erschütterungen geweckt werden.
Die Drapierung handelsüblicher Tacitos mit Dip hingegen wird lediglich als Vorgang geringerer Gefahrenklasse klassifiziert, welcher sogar von gewöhnlichem Barpersonal vorgenomen werden kann. Leider kann es hier aber prozessbedingt zu Füllhöhenschwankungen auf dem Teller kommen.
Auch, wenn man es auf den ersten Blick gar nicht glauben mag, so zeigt sich die komplexe Theorie der Cocktailbars also doch als eine größere zu handhabende Unbekannte, als die meisten sicherlich denken würden. Der Versuch, eine so umfangreiche und von multiplen Anforderungen überladene Lokalität mit Ungezieferfallen auf der Herrentoilette aus dem Schlamm zu ziehen zeigt dabei zwar guten Willen, löst aber weder die Symptome, noch das Problem – sondern eher das Verlangen, dem Personal mit gezielter Unterbetrinkgeldung klar zu machen, dass man so einen Laden auch besser schmeißen könnte…
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