Die Grillsaison ist offiziell eröffnet!
Zumindest bis 20 Uhr. Ab dann wird’s arschkalt und das raffgierige Rösten reinen Fleisches auf dem Grill mutiert zum Obdachlosen-Look-a-like-Treff an einer brennenden Mülltonne.
Dabei ist Kälte eigentlich nur was für Mädchen. Einige frieren ja schon, wenn man nur einen Eiswürfel in die Cola Light wirft. Vollkommen zu Recht, muss man sagen: die Anzahl der mutwillig durch Colaglaseiswürfel herbeigeführten Kälteverbrennungen ist seit Jahrzehnten beunruhigend konstant. Vorsichtige Schätzungen sehen sie nahe Null.
Wie Mutti schon immer genervt gesagt hat: “Kind, pack’ einen Schal, eine Mütze und Handschuhe ein!”
Wird gemacht. Nicht.
Der Winter ist vorbei, jetzt wird höchstens noch das Innenfutter der Winterjacke als eiserne Bekleidungsreserve zwischen die Nackensteaks gestopft. Alles weitere ist verschwendeter Platz. Der ist schliesslich Pils Gold wert: jahrelange Tetris-Erfahrung lässt selbst den kleinsten Mittelstufen-Standard-Eastpack-Rucksack zur alles verschlingenden Reisetasche von der Größe eines ISO-Containters mutieren. Dieses als Damenhandtaschen-Syndrom bekannte Phänomen gilt zu den am wenigsten erforschten Mythen der Logistikbranche. Sämtliche bisher angestrengten, wissenschaftlichen Bemühungen scheiterten daran, dass die Packungsdichte und -reihenfolge nach dem Auspacken der Taschen nie fehlerfrei rekonstruiert werden konnte.
Als Sammelpunkt der deutschen Grill-Elite gelten die vielen wunderschönen Parks und Naherholungsgebiete, welche (was vielen nicht bekannt ist) eigens zum Zwecke der Ausbildung einer neuen Generation von Grillmeistern angelegt wurden. Nirgendwo sonst findet man ein so buntes Potpourri von friedlich nebeneinander her grillenden Bevölkerungsschichten. Neben lethargischen Lehramtsstudenten grillen fröhlich singende Rasta-Männer, während sie mit ihrem Bauchladen einen fulminanten Rasentanz aufführen und kleinen Mädchen selbstgedrehte Zigaretten anbieten. Nur wenige Meter weiter verzweifeln Jung-Ingenieure an der bebilderten Aufbauanleitung ihres Einweggrills – völlig ignorierend, dass die von den Grillanzünder-Dämpfen benebelten Kunststudentinnen neben ihnen mit offensichtlichen Balzverrenkungen auf ihren karierten Wolldecken die Aufmerksamkeit auf sich und ihre Rohkost-Tupperboxen zu ziehen versuchen.
Im Zentrum des ganzen stehen jene (von allen Grillologen verhassten) effekthaschenden Sportstudenten, die mit wilden Frisbee-Würfen und absolut ungeplant-zufälligen, verfehlten Fußballschüssen kichernde Mädchengruppen angraben. Einzig die schwertschwingenden Mittelalter-Darklords mit ihren hölzernen Eisenschwertern und handgeschmiedeten Holzschilden sorgen für mehr Gesprächsstoff – und steigen damit zu den heimlichen Stars des Parks auf, an die sich am Ende wirklich jeder erinnern wird.
Wahre Grillprofis lassen sich von alledem aber nicht beeindrucken und vollbringen abseits der Spielplatzwürstchenwender wahre Kunstwerke von verbranntem Fleisch, schwarzen Würstchen und im Bier schwimmenden Fisch.
Am Ende des Abends steht dann meist ein vollgefressenes Grillvolk und eine Menge an Rest-Getränken, die zwar rein medizinisch gesehen von den Anwesenden in drei Tagen nicht ohne ernsthafte Gefährdung der Gesundheit verzehrt werden kann, dann aber doch für einen harmonischen Ausklang bei Smalltalk und sinnfreien Dingsda-Diskussionen führt.
Resultat eines solchen Grillabends ist dann am nächsten Morgen oft mal wieder einer von diesen Tagen, an denen man alles für eine handliche Magenpumpe tun würde – und an denen man nicht mal zum Samenspender taugt…
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