Mietshäuser sind etwas ungemein praktisches. Auch geringverdienende Menschen (wie Studenten) haben durch sie die Möglichkeit, ein meist dichtes Dach über dem Kopf und drei bis vier Wände um sich herum zu besitzen, ohne große Investitionen tätigen zu müssen. Lediglich eine kleine, monatliche Nutzungsgebühr fällt als Unkostenbeitrag an.
Auch ich nutze ein solches, kostengünstiges Mietangebot. Mit direktem Blick auf die Mauer. Was in Berlin als Audruck von kulturellem Interesse und Bildung angesehen wird, bedeutet bei mir einfach nur, dass ich auf einer Garage wohne und um mich herum nur Häuserwände habe. Fördeblick inklusive. Falls die mal 20 Meter hoch über die Ufer tritt.
Das Problem: meist ist man in solchen Mietshäusern nicht allein und hat netterweise wildfremde Menschen in seiner Nähe, die einem das Leben eher erschweren als versüßen. Meine Nachbarn sind da zum Glück die rühmliche Ausnahme. Bis auf den drogensüchtigen Grufti, der letztes Jahr in einer Nacht-und-Nebel-Aktion fluchtartig seine Wohnung verlassen hat – aus gutem Grund, da wenige Tage später die Polizei nach ihm und seiner eingenisteten Bumsfreundin fragte. Spannende Sache, neben sowas nur durch eine kondomdicke Wand aus Pappmaché getrennt zu wohnen.
Wirklich spannend macht das Leben mit geschätzten 60 anderen, unbekannten Parteien aber erst die (eine) gemeinsam genutzte Waschmaschine. Da meine Bude so klein ist, dass ich lediglich Postkarten als Poster aufhängen kann, ist hier nämlich kein Platz für sowas. Zum Glück gibt es da aber die Vorkriegs-Miele im Vorderhaus. Für günstige 50 Cent pro 25 Minuten können Hinz, Kunz und Hong dort ihre Wäsche reinigen. Ein Kurzwaschgang kostet nur 1,50, ein normaler 2,50 EUR – Preise wie bei Muddern! Nur bekommt man bei Muddern noch ein Mittagessen plus Nachtisch obendrauf…
Blöd wird die Washer-Sharing-Sache, wenn klein Peter zum Studium das erste Mal eine eigene Wohnung bezieht und der Wissenstransfer zwischen Hotel Mama und Peters Hirnwindungen offensichtlich auf halber Strecke steckengeblieben ist. Dann nämlich schrumpft nicht nur Peters Geldbeutel durch unzählige, fehlgeschlagene Waschversuche – sondern auch seine Wäsche, die der nachfolgende Waschmaschinenbenutzer dann aus der Trommel pulen darf. Weil Peter sich natürlich keine Uhr gestellt hat und denkt, der Waschraum gehöre ihm ganz allein.
Oder die waschverrückte Bäckersmaid, die ihre Schürze daheim reinigen muss – und zur Arbeitskleidung den guten, alten Feinrippschlüpper stopft. Ich bin jetzt kein Feind von Damenunterwäsche..aber bei manchem, was ich bereits aus der reinigenden Röhre gezogen habe, möchte ich doch lieber hoffen, dass es als Putzlappen benutzt wird. Tangas hin oder her – aber in Hosentaschen vergessene, aufgequollene O.B. sind einfach nicht mein Ding. Da die Hälfte der Nachbarn aber gar nicht weiß, wie lang ihr Waschvorhaben eigentlich dauert, bleibt einem oft nichts anderes übrig, als die Fremdwäsche eigenmächtig aus dem Akkubohrer unter den Hausfrauenwerkzeugen zu ziehen.
Noch viel weniger mein Ding sind fremder Leute Haare. Jeder Mensch verliert Haare. Auch ich habe eine Stirn bis Madagaskar. Aber bei manchen Waschladungen habe ich das Gefühl, dass einige Vertreter der Damenwelt (oder männliche Anhänger von Heavy Metal-Bands) gleich die komplette Haarpflege in der Waschtrommel abhandeln – anders kann ich mir die Massen an Fremdhaar in meiner Kleidung nicht erklären. Solang es nur Kopfhaar ist, kann man das ja noch gekonnt mit einem billigen Macho-Spruch überspielen. Auch zwei verschiedene Haarfarben und -längen auf einem Kleidungsstück regen eher die Phantasie im Bekanntenkreis an, wenn sie gefunden werden – aber sobald Katzen-, Hunde- oder Schamhaare vom Wäscheständer fallen, hört der Spaß auf. Ein Minimum an Hygiene kann man überlebensfähigen Menschen ja wohl zumuten. Auch wenn sie Vampire sind, die monatelang ihre Vorhänge nicht aufziehen oder ohne Pause Tag und Nacht World of Warcraft spielen.
Mein Bedarf an Kontakt zu meinen Waschmaschinen-Nachbarn ist zumindest erstmal gedeckt. Slipgröße XL verrät eben doch einiges über die Trägerin und macht nicht Lust auf mehr.
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