Es gibt Dinge, die muss ein norddeutscher Jung in seiner Jugend mitgemacht haben. Zum Beispiel den Bremer Spuckstein bespucken, besoffen hinterm Deich einpennen, Nachts um vier die Fähre verpassen – oder einmal den Hamburger Fischmarkt besuchen. Was Kragen-hochklappende, Smart-fahrende, pseudo-norddeutsche Muttersöhnchen nur vom sonntäglichen Elternspaziergang kennen, erleben echte Nachtschwärmer frühmorgens als Paradies der Katerernährung. Nirgendwo sonst existiert eine so hohe Dichte an Matjesbrötchen, Backfischpanade und rollenden Möpsen. Das Fünf-Gräten-Frühstück unter den After-Party-Mahlzeiten.
Sich den ganzen Abend mit schlechtem Bier, ranzigen Cocktails und faltigen Nutten auf der Reeperbahn um die Ohren zu schlagen, macht nur ausgewachsenen Party-Masochisten Spaß. Und Leuten, die auf Gesichtselfmeter in Moonboots und Skihose stehen.
Da lässt man sich auch gern mal in diversen Pubs, Teenie-Discotheken und Pimmelparty-Lokalitäten auf die Füße latschen, durch die Gegend schubsen und grundlos anpöbeln. Jeder Mensch liebt das heitere “Fick dich!” aus dem Munde eines sibirischen Schwergewichtlers, der grazil die Massen seines offensichtlich die Statik des Gebäudes gefährdenden Körpers durch die Menschenmenge bugsiert, während er mehrere Kleinkinder als Wegzehrung verspeist und aufmüpfige Gäste in seinen Speckfalten verschwinden lässt. Wer sich nicht von Ed McSpeck hat wegatmen lassen, hat das Glück, ein paar unvergessliche Stunden zwischen minderjährigen Frauen, betrunkenen Halbwüchsigen und singenden Iren, die nach Bieren gieren, zu verbringen.
Aber schliesslich ist ja auch nicht der Weg, sondern das Ziel das Ziel. Mädchenhafte Männlein-Memmen verlassen die Partyszene frühzeitig, um dann morgens um fünf wieder zum Fischmarkt zu erscheinen. Doch wer schlechte Livemusik und fettigen Backfisch stilecht und als Teil des Gesamtkunstwerks genießen will, kommt um das vornächtliche Biertraining nicht herum.
Während der gemeine Pöbel bereits in der Fischauktionshalle die Bierbänke unsicher macht, geben sich die richtig kranken Fischfetischisten auf dem Weg zum Fischmarkt noch fix auf der Toilette eines schäbigen Kokain-Clubs die Kante mit dem besten Pulver der Stadt.
Das Streusalz unter den Partydrogen. Unter den Achseln angewendet, führt es im Hamburger Land zum weltbekannten Aal Effect. Fliegende Matjeshälften sind dem Deodoranten sicher.
Nach einem gefühlten Kutter voll Fisch, mehreren Hektolitern Gerstenkaltschale und einem guten Dutzend sinnfreier Gespräche mit Süßwassermatrosen, für die ne Slipanlage eine Maschine zur Ankleidung älterer Damen ist, begibt sich die fischgewordene Feier-Crowd mit dem Taxi des kleinen Mannes wieder in Richtung Schlafhöhle. Dank Party-optimierter Buslinienführung schliesst dabei ein mehrkilometriger Spaziergang die grätenhafte Nacht der Tanz-Schuppen ab – nicht, ohne die edlen Wanderer auf den letzten Metern mit einer Erfrischung aus den Wolken zu belohnen. Das stört aber keinen der wahren und über-vollen Marktbesucher. Höchstens die Möchtegern-Nordlicher, für die es zuhause nicht mal zur Sprechrolle gereicht hat. Die sind nämlich aus Zucker. Und jeder weiß, dass Wasser, Fischbrötchen und Zucker nicht zusammenpassen.
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