So schaut mein Terminkalender derzeit aus:
Neben der prokrastinativen Vormittagsgestaltung wird vor allem der Freitagstermin meine geballte Energie und Aufmerksamkeit fordern.
Stressiges Leben, so als Student in der Klausurvorbereitung.
Was nicht in dem Kalenderausschnitt zu sehen ist:
Der Rest des Tages wird mit lernen verbracht. Und da die eigene Wohnung bekanntermaßen derzeit fleißig vom Schimmelpilz in eine Flora & Fauna der Jurazeit umgewandelt wird, muss das hochwertige Qualitätswissen eben in der Unibibliothek ins Fleischhirn geschaufelt werden.
Großer Vorteil: kein Schimmel. Angenehme Gemeinsamkeit: die Wände hier haben ebenfalls keine Tapete – da fühlt man sich doch gleich viel heimischer. Nur war das hier wohl so vom Architekten geplant.
Das Kühlschrankgebrumme wird durch surrende Notebooklüfter ersetzt, die Toilette sieht ähnlich schlimm aus wie zuhause und wenn man genau hinschaut, sind die Fenster ebenso schmutzig wie die eigenen. Sowas wie eine Küche ist daheim ja sowieso kaum existent und statt nach Pils Pilz mieft es nach Büchern. Ein adäquates Äquivalent.
Der gewitzte und in seinem Studiengang nicht gerade mit Schönheiten übermäßig belohnte Candidatus Ingenieuricus schummelt sich dabei natürlich in die Lern-Ruheräume mit den schnieksten Deerns. An den Bücherregalen steht zwar was von “Religion”, “Kultur” und “Geschichte”, aber die einzige Religion die hier einige verfolgen, scheint das Anbeten ihres Kulturbeutels zu sein, um nicht als ungestylteste Kommilitonin ihres Jahrgangs in die Geschichte einzugehen. Nicht, dass ich hier nur zum Gaffen herkommen würde – aber ein bisschen schon. Lernen muss ja auch Spaß machen. Ausserdem ist heute Weltfrauentag. Da wollen die Damen doch aufmerksam behandelt werden. Und da mir die Behandlung in diesen Gemäuern laut Satzung verboten ist, gibt es eben lediglich erhöhte Aufmerksamkeit.
Schön auch, dass sich hier -auf der Sonnenseite der Bibliothek- anscheinend nur die Menschen mit einer annehmbaren Portion Hirn befinden. Luftküsschen und lautes Geknutsche sind zwar ab und zu nicht zu überhören, aber der durchschnittliche Geräuschpegel liegt dann doch in etwa nur auf dem Niveau eines toten Eichhörnchens im Winterschlaf.
Ganz anders einen Raum weiter, in dem irgendwas zwischen Soziologolodigogie und Lehramt vegetiert und ‘lernt’. Kommunikation ist da ja alles. Und da leider viel zu wenig junge Menschen die Gebärdensprache beherrschen oder des Schreibens mit Stift und Papier mächtig sind, muss halt gebrabbelt werden. Doch dass eine Gruppenarbeit vielleicht nicht unbedingt an einem Ort der Ruhe und Konzentration diskutiert werden muss, scheint in bisher noch keinem Sozi-Lehrbuch erwähnt worden zu sein. Vielleicht handelt es sich aber auch nur um einen groß angelegten Feldversuch. “Wie lang kann ich unbeteiligte Mitmenschen reizen und zur Weißglut bringen, bis sie mir Salzsäure ans Bein pinkeln oder mit einem vollgepackten Bücherregal nach mir werfen?”. Wobei auch das ja eigentlich nur einen sozialen Aspekt verfolgen würde: ist die Unruhequelle in Gemeinschaftsarbeit erstmal entfernt worden, steigert sich die Leistung der übrigen Individuen signifikant.
Der Ort der Querdenker und Philosophen hat eben eine magische Anziehungskraft auf alle denkbaren Auswüchse der Gesellschaft. Sogar funky Sprayer finden ihren Weg in gewisse Lokalitäten und hinterlassen ihr Signet, um neue Kundengruppen zu aquirieren.
Was der Künstler uns mit diesem Werk zu sagen vermochte, wird wohl nie geklärt werden. Ein emsiger Hausmeister wird in nur wenigen Jahrzehnten mit brachialer Gewalt diesen tausende Fragen aufwerfenden Schriftzug übertünchen und damit ein Stück Menschheitswissen auf ewig der Nachwelt verwähren.
Nicht wirklich schlimm. Denn wenn man ehrlich ist, laufen hier auch eine ganze Menge Deppen rum. Vollpfosten, denen man den Eintritt direkt an der Drehtür verwähren sollte. Am besten, indem man sie ihnen direkt vor der Nase zuschlägt.
Aber der fleißige Student lässt sich natürlich von diesen Mitmenschen, die mehr Muttererde als Hirn im Kopf haben, nicht beirren und feilt weiter mit dalai-lamistischer Ruhe an seinem Tageswerk. Von nix kommt schließlich nix. Schade eigentlich.
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