Krea-Tief und Bob, der Busfahrer

Hose sitzt, passt, wackelt und hat Luft. Kaffee ist heiß, so stark, dass nicht nur ein Löffel sondern gleich eine ganze Besteckschublade darin stehen könnte und von überragender, im-Laden-frisch-gemahlener Qualität. Das Wetter verbreitet gute Laune – zumindest wenn man in den Himmel schaut und die 15 Zentimeter Neuschnee am Boden mal großzügig übersieht.
Und trotzdem geht nix. Hirnblockade. Bock auf nix. Nichtmal Bockwurst. Oder Boxen. Oder Bogenschießen. Oder Borreliose.
An manchen Tagen verteufelt man die Symbiose, die man vor vielen Jahren mit dem Hirn eingegangen ist. Sah ja schließlich nach nem erstklassigen Produktbündel aus: Hirn trifft Körper. Einer plant, der andere setzt um. Der eine knallt sich die Hucke voll, der andere torkelt nach Hause.
Aber heute ist so ein Tag, an dem das Team am Boden liegt. K.O. in der zweiten Runde. Der Körper will flitzen, der Kopp will sitzen. Eine Woche Dauerstrom sind wohl auch für ein so überdurchschnittlich stressresistentes und kuscheliges Gehirn wie meins zu viel.

Vielleicht liegt es aber auch an dem Nahtoderlebnis, welches ich gestern auf dem Weg nach Hause hatte: Busfahren bei Wintereinbruch!

Gut. “Nahtoderlebnis” ist jetzt vielleicht ein bisschen billige Effekthascherei. Es war eher ein Ferntoderlebnis. Aber wenn in der Unibibliothek Pärchen im Ruhebereich an Tischen hintereinander sitzen, nur um ab und zu aufzustehen, zum Partner in der Reihe dahinter zu gehen, mit ihm verliebt zu schmusen und laut zu knutschen, dann darf ich auch mal nach Effekten haschen. Und zwar nicht nur Discounter-billig, sondern Räumungsverkauf-billig. Ich bin nun wahrlich kein Feind zwischenmenschlicher Beziehungen (wenngleich ich immernoch der Meinung bin, dass die Beatles noch heute als Boygroup in den Charts dank Photoshop-Faltenretusche und digitaler Stimmenverzerrung erfolgreich sein könnten, wenn Yoko Ono nicht ihre Nase in jede Studioaufnahme gesteckt hätte). Aber wer mit Mitte Zwanzig noch wie ein Teenager durch die Innenstadt liebelt, der braucht sich nicht zu wundern, wenn ich ihm irgendwann mit dem Fisher-Price-Sekundenkleber die Mundwinkel zusammenkleister.

Der Weg von der Unibibliothek vom Lerntempel nach Hause zum Schimmelquader wird von mir aus purer Faulheit seit einer Woche nicht mit dem Rad, sondern mit dem Bus absolviert. Ja, Bus. Diese Mitfahrgelegenheits-Limousinen, die sich auch die größten Turbo-Primitivlinge leisten können. Solche, die ihre Fahrkarte wahrscheinlich an den Unterarm getackert bekommen, weil sie sonst nie fähig wären, sich selbst eine zu kaufen.
Und Leute wie ich, die aus purer spätrömischer Dekadenz das Bad im Volke dem exklusiven Fußmarsch vorziehen. Schließlich ist’s kalt draußen. Und nass. Und überhaupt steht das Rad seit nem halben Jahr semi-defekt im Keller. Für solche Reparatur-Spielereien habe ich momentan einfach keine Zeit. Das liegt weniger an der Reparatur selbst, als vielmehr daran, dass ich bei dem Gerümpel hier erst eine Horde Archäologen engagieren müsste, um mein Werkzeug ausgraben zu lassen. Sicher eine interessante Aufgabe für angehende Klappspaten, aber wir sind hier schließlich nicht bei Jurassic Park. Eher bei Hempels in der Abstellkammer. Außerdem bin ich Profi-Prokrastinateur und schiebe unwichtige Dinge gern verantwortungsvoll vor mir her. Sofort Aufräumen ist was für Mädchen.
Mein Ferntoderlebnis fand also auf einer langen, 4-Bushaltestellen-andauernden, Kräfte- und vor allem Geduld raubenden Reise statt. Ich hatte zu lösen derer Aufgaben drei, um vom Wächter der Bustür Einlass zu erhalten:

  1. Zum Bus rennen. Denn der Bus, den ich eigentlich nehmen wollte, war selbstverständlich ausgefallen. Vermutlich wegen des ach so plötzlich einsetzenden Neuschnees. Gut, dass die Haltestelle der zweiten Buslinie nicht weit entfernt ist. Blöd, dass der Schnee nicht nur Busse an der Fortbewegung hindert, sondern auch sprintende Studenten.
  2. Mit Kreischen und fuchtelnden Armen auf mich Aufmerksam machen, um nicht umsonst den schnellsten Sprint meines Lebens absolviert haben zu müssen. Die Winter-Olympiade war nix dagegen. Skier und Schlittschuhe sind nur was für Weicheier. Die wahren Experten wetzen mit Sneakern durch den Schnee.
  3. Außer Atem und völlig erfroren den ollen Papierfetzen das filigrane Studententicket aus dem Portemonnaie friemeln und gleichzeitig dem Fahrer Dankbarkeit und Fröhlichkeit ob des rechtzeitig erreichten Busses vorheucheln.

Schee! Schnee! (Bild aufgenommen in der Kieler Tundra)

Als Meister der Schauspielkunst und des Kartentricks konnte ich den Busfahrer auf magische Weise von der Echtheit meines Studententickes überzeugen (eine unwahrscheinlich schwierige Aufgabe, da es echt ist) und erhielt Eintritt in die Höhle der aufgewischten Kotze, flüssigen Essensreste, lauten Handytelefonate und schiefmützentragenden Rückbankjünglingen.
Ein Nahverkehrserlebnis der besonderen Art – nicht nur des Publikums wegen. Denn Busse haben anscheinend keine Winterreifen. Brauchen sie auch nicht.  Mit 18 Tonnen Leergewicht hat so ein Gelenkbus genug Speck auf den Rippen, um den Schnee zu vaporisieren und sich like a Straßen-Eisbrecher seinen Weg durch den Innenstadtdschungel zu pflügen.

Typischer Kieler Gelenkbus. Dauerleihgabe der Bremer Straßenbahn AG seit 1789.

Das klappt zumindest meistens.
Was mir bisher nicht klar war: auch mit einem Linienbus kann man durch die Kurven driften. Was man als rechtschaffender Zivildienstleistender damals noch mit dem Ford Transit auf dem SPAR-Parkplatz gemacht hat, machen die Zivis der Busfahrgesellschaft also heute mit ihrem Dreiachser. Bergauf. Mit durchdrehenden Hinterreifen. Verknickt wie ein Cocktailstrohhalm nach der Happy Hour. Rein physikalisch hätte der hintere Teil des Busses den Grünstreifen in der Mitte der Straße vertikutieren müssen.

Hat er aber nicht. Denn dieser Busfahrer war nicht Hobby-Gärtner, sondern Hobby-Rennfahrer. Das konnte man bereits beim Einstieg am feuerfesten Hello Kitty-Overall und dem Carbon-Helm auf dem Alterskopfknie erkennen.
Wer mit professionellem Känguru-Gasfuß einen Bus wie die Brüste der osteuropäischen Eurovision Song Contest-Teilnehmer hin- und herschwingen lassen kann, verdient meinen größten Respekt. Eine Rückwärts-Runde im Musik Express ist nichts dagegen.

Bus fahren kann also doch Spaß machen. Einmal im Jahr. Sobald der verrückte weiße Schnee endlich abgezogen ist, werde ich aber trotzdem lieber wieder schnellstmöglich auf das Zweirad umsteigen. Flexibilität ist alles im Leben. Auch für dekadente Römer.

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3 Kommentare
Veröffentlicht in Gedöns am 6. März 2010 um 20:36 Uhr

3 Kommentare zu „Krea-Tief und Bob, der Busfahrer“

  1. mahrko sagt:

    Schön geschrieben und das auch noch extra für mich ;-)

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  2. till sagt:

    Naja…”extra für Dich” würd ich das jetzt nicht nennen… aber..äh..ja..bleib mal ruhig in dem Glauben ^^

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  3. wo kann ich sagt:

    “Das liegt weniger an der Reparatur selbst, als vielmehr daran, dass ich bei dem Gerümpel hier erst eine Horde Archäologen…” – exzellent! ;)

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