Grün an Kinder denken

Denk doch bitte mal einer an die Kinder!
Die denken schließlich schon selten genug an sich selbst. Darum gibt’s in Baden-Württemberg seit heute ja auch ein Selbsthilfegebot: nach 22 Uhr kein Schnaps mehr an Tanken und Kiosken. Viele Tankstellen stehen nun vor dem Ruin – wer kauft schon Nachts Benzin oder Diesel, wenn er nicht gerade eine Wohnung anzünden und Spuren vernichten will? Der Versuch, den Umsatzverlust mit preisgünstigen, durch billige willige Osteuropäer-, Minijobber- und Student-innen durchgeführte Nackt-Autowäschen wieder reinzuholen, scheiterte kläglich. Zahlreiche Ehefrauen untersagten ihren Männern prompt die nächtliche Ausfahrt zur Wagenpflege, nachdem die auffälligen Brustspuren auf den nicht ganz streifenfreien Scheiben von fachkundigen Augen sofort entlarvt wurden. Hätten sie mal lieber den vor allem unter Trinkern bekannten Glanz-Alkohol verwendet. Besonders glänzende Auftritte hat man doch bekanntlich eh meist erst unter Alkoholeinfluss.

50%iger Gratis-Glanz-Alkohol

Besser geht es da schon den Kiosk-Inhabern. Durch schleichende Etablierung der senilen Bettflucht in deutschen Seniorenschlafzimmern konnte der nächtliche Absatz an Zeitschriften (allen voran “Unser Garten”, “Kultur der Kriegsgeschichten” und die wöchentliche Ausgabe der “Inkontinental International”) signifikant gesteigert werden. Auch die Erweiterung des Sortiments um wehrlose und zuhörwillige Enkelkinder konnte drohende Umsatzverluste auffangen.

Eltern, die Interesse an ihren Kindern nicht nur heucheln und mit unverhältnismäßig großen Weihnachtsgeschenken vorspielen wollen, sei daher geraten, mehr auf ihre Nachkömmlinge zu achten.
Zahlreiche Warnschilder an deutschen Ampeln karikieren diesen Umstand des fehlenden Interesses und titeln frech:

Rotverbot!

Bitte nur bei Grün an Kinder denken!
Logisch. Bei Rot hat man ja auch unnötigen Leerlauf. Das wäre öde. Da ist es ja nicht mit besonderem Aufwand verbunden, an sein Kind zu denken. Also machen wir das lieber bei Grün. Das ist wahre Kinderliebe. Multitasking für den Nachwuchs! Auto fahren, alte Menschen am Straßenrand im Auge behalten, die heimtückische Schleichanfälle auf die Fahrbanmittelmarkierung planen und geichzeitig an die Kinder denken.
Was wohl verrücktes passiert, wenn man sich nicht an dieses auf imprägniertem Papier verewigte und ausdrucksstark an unschuldigen Fußgängerampeln publizierte Gesetz hält? Wird sich die Welt andersherum drehen? Wird uns der Himmel auf den Kopf fallen? Oder wird meine Nachbarin, die in sämtliche Tätigkeiten des Haushalts ihre Mikrowelle einbindet, ihre Bachelorarbeit doch nicht weiter mit eben dieser schreiben können?
Ich werde das mal mutig herausfinden und mich beim nächsten Mal abartig asozial verhalten. Ich werde auch bei Rot an die Kinder denken und eventuell auch das ein oder andere festhalten, wenn es stürmisch um 21.59 Uhr Richtung Tankstelle rennt.

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Veröffentlicht in Gedöns am 1. März 2010 um 21:24 Uhr

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