Seit ungefähr zwei Wochen mache ich eine strenge Salatdiät. Seitdem gibt es keinen Salat. Nur noch Fleisch. Und da das auf Dauer ungesund ist, gönne ich mir stattdessen öfters mal nen Salat. Man will sich ja langsam aber sicher der Bikinifigur nähern und im Sommer auch endlich mal der gehasste Muskelmann am Strand sein, dem alle Frauen hinterherpfeifen und der eine Strandmuschel-kuschel-Einladung nach der anderen einsammelt.
Doch schon die Simpsons wussten: Man findet keine Freunde mit Salat.
Und glücklich wird der Mensch mit dem Grünfraß auf Dauer auch nicht. Denn Fleisch bedeutet Proteine bedeutet Gehirnwachstum. Nicht ohne Grund munkelt man, dass bereits mehrere Nobelpreise quasi erfressen wurden.
Der gemeine Salatesser hat also weder Freunde, Spaß am Leben noch übermäßig viele Hirnwindungen. Traurige Welt. Da liegt es nahe, sich mit einem lebenden Menschen geschmückt in ein Café seiner Wahl zu setzen, um einerseits die wenigen vorhandenen sozialen Kontakte zu pflegen und andererseits mal etwas anderes als Grünzeug zu sich zu nehmen.
Was für ein Etablissement wählt das Konsumkellerkind dafür wohl? Klar. Eine Lokalität, die im Fernsehen beworben wurde. So eine wie das Café Tabac. Das war nämlich vor wenigen Wochen bei “Rach, der Restauranttester“. Grund genug, dem Laden mal einen Besuch abzustatten und zu checken, ob der Herr Rach auch ganze Arbeit geleistet hat.
Die Erreichbarkeit mit für den Durchschnittsstudenten verfügbaren Verkehrsmitteln ist vorbildlich – Google Maps errechnet einen Fußweg von 2 Minuten für den Weg von der Bushaltestelle bis zur Eingangstür. Kommt hin. Wenn man zunächst eine Minute seinen Rollator aus dem Bus friemeln muss und sich dann gemütlich ne Schachtel Kippen am Kiosk zieht. Jeder normal gesunde Mensch kommt aber bequem auch in 10 Sekunden ans Ziel.
Im Café dann aber der erste Rückschlag: Keine Plätze frei. War zu erwarten, nachdem der Laden ja als TV-Star im Fernsehen berühmt wurde. Dass dann ein Pärchen aber zwei 6er-Tische für sich allein belegt und auf Nachfrage pampig “Nee, der ist nicht frei, sieht man doch!” pöbelt, muss nicht wirklich sein. Nur, weil die ihre Jacken auf den Nebentisch legen, muss das ja noch lange nicht heißen, dass der vergeben ist. Hätte ich ne Freundin, würde ich ja auch nicht meine Jacke auf sie legen, um zu zeigen, dass sie vergeben ist. Und unfreundlich würde ich auch nicht reagieren, wenn mich jemand fragen würde, ob sie noch frei ist. Ich würde sie großzügig dem Fragenden anbieten. Man ist ja Menschenfreund und so.
Glücklicherweise wurde dann aber doch noch ein romantischer Zweiertisch im direkten Laufweg der Kellner frei. Hervorragend. Ein Platz, quasi an der Quelle fallender Teller, fliegender Messer und kippender Weizengläser. Für Action ist also gesorgt. Und für schnellen Service. Denn die Kellner kommen schließlich im Tiefflug sekündlich am Tisch vorbei – denkt man! Nachdem wir die Karte 15 Minuten lang ohne eine Kenntnissnahme der Kellnerei auswendig gelernt und bereits aus Langeweile damit begonnen hatten, aus unserer Bestellung ein heiteres Volkslied zu komponieren, erbarmte sich dann doch eine Bedienung, sich unserer Wünsche anzunehmen.
Einmal gegrillte Poulardenbrust mit Kartoffelgratin und Vichy-Gemüse sowie die selbstgemachte Pasta mit Scampi an einer Krustentiersauce.
Vichy-Gemüse. Das ist Gemüse, das in Vichy-Wasser blanchiert wurde. Sowas braucht doch kein Mensch! Auf die Rückfrage, ob man stattdessen auch Cola-, Fanta- oder Korn-Gemüse haben könne, war nur wildes Geschrei aus der Küche zu vernehmen.
Und was bitteschön soll “eine Krustentiersauce” sein? Pürierte Nordseekrabben? Krustentier kann schließlich fast alles sein. Auch eine kross gebackene Ente wird irgendwann zum Krustentier, wenn man sie nur lang genug im Ofen lässt.
Immerhin kam das bestellte Bier sehr flott. Das Essen hingegen nicht. Aber für die Wartezeit ließ die aufmerksame Bedienung einfach den Besteckteller der Vorgänger auf dem Tisch stehen. Das darf wohl als heimliche Spezialität des Hauses interpretiert werden: lecker Krümel mit Salz und Pfeffer an gebrauchter Serviette.
Nach einer halben Stunde wurde der Willkommens-Snack dann unsanft vom Platz entfernt. Eine weitere Viertelstunde später folgte dann auch endlich der Hauptgang:
Kein Wunder, dass das so lange gedauert hat. Die selbsgemachten Nudeln mussten ja schließlich erst hergestellt werden. Das beginnt schon mit dem Anbau des Weizen und endet mit einer abenteuerlichen Nordmeerfahrt zur Erlegung der Scampi. Für eine so komplexe Produktionskette sind 45 Minuten dann doch schon eine ansehnliche Ausführungszeit.
Auch bei der gegrillten Poulardenbrust wird erst nach der Lieferung klar, wieso das ganze so lange dauern musste: Ein Geheimtrick des Kochs ist es nämlich, die Brust nach dem grillen komplett auskühlen zu lassen. Das dauert eben seine Zeit!
Die Brust war also kalt, das Kartoffelgratin geschmacksfrei und das Vichy-Gemüse verlieh weder Superkräfte, noch schmeckte es überragend lecker.
Die selbstgemachten Nudeln hätten auch aus der Tüte stammen können, die Krustentiersauce ließ nicht erkennen, um welches Tier es sich nun eigentlich gehandelt haben könnte und die Scampi hatten teilweise noch Schalenstücke an ihrem durchtrainierten, vor Eiweiß strotzenden Körper. Klar, ich würde mich auch ungern ausziehen lassen, um dann nackt auf den Teller eines Fremden geworfen zu werden – aber als Scampo muss man eben irgendwann einsehen, dass man nur am Ende der Nahrungskette steht. Einige ungemahlene Pfefferkörner am Boden des Tellers sorgten dann gegen Ende des Mahls noch für erfrischend-scharfen Knabberspaß im Mund. Besonders zuvorkommend, da diese Körnchen gern zwischen den Zähnen hängen bleiben. Da hat man auch nach dem Essen noch Rücklagen für schlecht gewürzte Zeiten.
Alles in allem ein eher durchwachsenes Ergebnis. Kaltes Essen und ungepellte Krustentiere sind nicht wirklich das, was eine gute Küche auszeichnet. Bei 13 EUR für einen Teller Nudeln kann man da mehr erwarten – auch, wenn sie im Großen und Ganzen lecker waren.
Entgegen der Planung wurde der Abend dann nicht weiter im Café Tabac verbracht. Zum Runterspülen der ernüchternden Küchenleistung gab’s im Anschluss Cocktails im Spandau Projekt.
Die sind zwar auch kalt, aber lagen vorher zumindest nicht großkotzig auf dem Grill herum. Und die einzigen Knusperstückchen im Gericht sind die crushed Eiswürfel…
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