Im Winter bin ich Schwarzfahrer. Fast durchgängig. Zumindest an allen Tagen mit Temperaturen unter 10°C. Denn an denen trage ich meine schwarze Winterjacke. Und ich wurde noch nie dabei erwischt. Verrückt, ich weiß. Der Schwarzfahrer-Schutzengel Don Luigi Controletti muss mir gnädig gesonnen sein.
Doch an manchen Tagen fahre ich auch richtig schwarz. Pechschwarz. Ohne Ticket. So, wie man sich das von einem gesetzeslosen Systemgegner wünscht. So einer bin ich zwar nicht, aber trotzdem muss auch ich mal auf ein Ticket verzichten. So wie vergangene Woche.
Jeden Monat kaufe ich mir wie es sich für einen friedlichen und gesetzestreuen Staatsbürger gehört mein Monatsticket. Das geht in Hannover ganz bequem am Automaten – die an jeder Haltestelle stehen. Die Dinger können dank innovativem Touchscreen nämlich fast alles. Außer Kaffee kochen – und funktionieren. Das beginnt schon mit dem berührungsempfindlichen Display. Das wird im Winter nämlich zu einem magical Telekinese-Kraftfeld-Screen. Bei der Kälte funktionieren die Teile nämlich nicht mehr richtig und ein Druck auf den Bildschirm bewirkt mitunter gar nichts – dafür wählt man aber auch gern mal einen Menüpunkt aus, wenn sich der Finger noch drei Zentimeter vom Druckpunkt entfernt befindet. Tolle Wolle. Wild gestikulierend und in-der-Luft-rumwischend steht man dann vor diesem Kleinod der deutschen Ingenieurskunst und versucht, sich durch endlose Untermenüs bis zur gewünschten Fahrkarte durchzuzaubern. Wer auf Anhieb das richtige Ticket erwischt, sollte lieber Lotto spielen gehen und sich vom Jackpot seinen eigenen Chauffeur leisten. Das man dabei blöd wie Willi aussieht, versteht sich von selbst.
Zweite technische Errungenschaft der grün-grauen Kästen: Ein EC-Karten-Schlitz. Klasse Sache, das! Vor allem praktisch, um überzählige Payback-Karten zu entsorgen oder unnötige Autoclub-Mitgliedskarten zwischenzulagern, während man Bargeld in den Automaten schmeißt. Aber zum Bezahlen mittels EC-Karte sind sie ganz sicher nicht geeignet. Zumindest nicht an diesem Tag. “Systemfehler”. Besonders erfreulich, wenn man als Mensch von Welt nicht mal eben 45 Euro für ne Monatskarte dabei hat.
Till: Zero Points. Zum Glück besteht die erste Teilstrecke meines Arbeitsweges aber nur aus zwei Haltestellen Busfahrt, die man bequem auch zu Fuß zurücklegen kann. Da der Bus sowieso meistens dann fährt, wenn man grad nicht da ist, kann man so sein Glück noch an zwei weiteren Automaten versuchen. Natürlich vergeblich. Da hat wohl der IT-Praktikant bei den Hannoverschen Verkehrsbetrieben morgens den Stecker aus dem EC-Karten-Zahlungs-Switch gezogen. Oder das Rechenzentrum meiner Bank veranstaltet ne LAN-Party und kapselt sich von der Außenwelt ab. Auf jeden Fall war da plastikgeldtechnisch nicht viel zu holen.
Da nun aber nicht der ganze Arbeitsweg zur Wanderung verkommen darf (irgendwann muss schließlich auch ein Praktikant auf der Arbeit ankommen), musste wohl oder übel der Umstieg in die Bahn gemeistert werden. Mit Ticket. Also wurde mit einer Wut im Bauch, auf der man problemlos ein halbes Schwein hätte garen können, flugs für 2,20 Euro ein Einzelticket gekauft. So ein Schwachsinn! Ich wollte doch ne Monatskarte! Aber man will ja nicht Schwarzfahren…
Auf der Arbeit wurde dann natürlich sofort eine zuckersüße Beschwerdemail verfasst. “Ihr Piedel könnt mich mal!” – nach der Arbeit würd’ ich es denen zeigen. Das war klar.
Idee: zur Bank stapfen, Geld abheben und dann mit Bargeld die Karte kaufen. Haha!
Ideefehler: meine Bank ist eine Haltestelle von der Arbeit entfernt. Aber das passt. Fußtechnisch bin ich ja gut drauf.
Dass ich dann mit Bargeld bewaffnet am Bahnsteig einen Automaten antreffen würde, der keine Geldscheine annimmt, war in dem Moment irgendwie nur noch die Krönung des Totalausfalls…
Da ich aber zum Sport wollte und es nicht einsah, erneut ein Einzelticket zu kaufen, ging’s halt ohne Karte in die Bahn. Kochend. Jeder Fahrkartenkontrolleur würde schon an der brodelnden Lava um mich herum erkennen, dass er bei mir nichts verloren hat.
Pflichtbewusst wollte ich mir mit einem schlechten Gewissen unter der Schädeldecke zumindest an meiner Zielhaltestelle endlich das gewünschte Monatsticket kaufen. Doch dann das hier:

Bitte zahlen Sie. Aber verzichten Sie dabei auf die Verwendung von Kleingeld, Geldscheinen und EC-Karten.
?!
In dem Moment hätte ich schwören können, dass sich einer der ÜSTRA-Mitarbeiter in seinem stillen Kameraüberwachungskämmerlein heimlich über mich totlacht.
Wie Indiana Jones auf der Jagd nach dem heiligen Gral stürzte ich mich also auch nach dem Sport todesmutig und ticketlos in die Bahn Richtung Heimat. Bei meinem Zwischenstopp am Aegi hatte ich dann endlich die Möglichkeit, in die Liga der aussergewöhnlichen Fahrkartenbesitzer aufzusteigen. Eine willige Automatensau erbarmte sich, mein Scheingeld zu schlucken. Ein wirklich erhabenes Gefühl. Wie ein junger Pharao nach der Krönung. Sofern die überhaupt gekrönt wurden.
Ich habe an diesem Tag neun (!) unterschiedliche Fahrkartenautomaten um die Ausstellung einer Monatskarte gebeten. Erst der neunte war in der Lage, meinen Wunsch zu erfüllen. Ob das nun eine gute Quote ist, muss jeder für sich selbst entscheiden – ich finde sie unter aller Banane.
Am Montag streikt die ÜSTRA übrigens. Ich hoffe für die Mitarbeiter, dass ihre Gewerkschaft ähnlich gut organisiert ist, wie die der autonomen Fahrkartenautomaten. Denn bei denen hat der Streik ja einwandfrei geklappt.
|
|
Tags: automat, autonom, bargeld, ec-karte, fahrkarte, fail, gewerkschaft, kleingeld, monatskarte, münzgeld, scheingeld, schwarzfahren, üstra

Antworten