Im Bremer Raum gibt es ja eine furchtbar schöne Tradition, die außerhalb dieser Region leider überhaupt nicht bekannt zu sein scheint: Die Kohl- und Pinkel-Fahrt. Dabei hat das “Pinkel” nicht primär etwas mit Wasserlassen zu tun (ein wenig schon, aber dazu später mehr), sondern die Pinkel ist eine “Grützwurst” (so nennt Wikipedia das zumindest), die nicht nur äußerst lecker aussieht, sondern auch so schmeckt.
Das große Fressen ist dabei nicht mal das, worauf es bei einer Kohlfahrt ankommt (wobei eine Kohlfahrt ohne Grünkohl keine Kohlfahrt wäre, sondern eben nur eine Fahrt) – sondern wie bei vielem im Leben ist der Weg das Ziel. Ein vollgepackter Bollerwagen mit Schnaps und Bier und zwei Stunden Wanderung durch den Schnee Richtung Restaurant müssen schon drin sein. Alternativ tut’s auch ein Schlitten. Dazu Schnapsgläser an Bändern um den Hals getackert und los geht’s.
Damit die Lauferei nicht zu langweilig wird (der Norddeutsche an sich ist ja eher wortkarg und spricht lieber mit seinem Vollbart als mit seinen Mitmenschen), kann die Kohlfahrt wahlweise mit diversen Spielchen und/oder Ritualen aufgelockert werden. Eine beliebte Interpretation ist dabei das Trinken eines Schnaps an jeder Straßenecke. Oder das Trinken eines Schnaps an jeder Laterne. Oder das Trinken zweier Schnäpse. Oder das Trinken eines Schnaps, bis alle Flaschen leer sind.
Auch wird gern nebenher gebosselt oder ein Schaumstoffwürfel geworfen, der bestimmt, wer als nächstes einen Schnaps trinken muss. Ebenfalls interessant ist das Spiel “Feuer, Wasser, Luft”, bei dem alle Mitreisenden den Boden verlassen müssen, sobald das Wort “FEUER!” gerufen wird. Erlaubt ist dabei alles – vom Klettern auf einen Baum bis zum Balanceakt auf einem Straßenpoller. Ein Bild für die Götter, wenn zwei betrunkene Affen sich krampfhaft an einen Laternenpfahl klammern und hoffen, nicht die letzten zu sein, die den Boden verlassen – denn der letzte muss..na…? Richtig! Einen Strafschnaps trinken! Das darf auch gern mal der billigste Korn vom Discounter sein. Es soll ja wehtun. Holla, die Waldfee – das hat mich kann Einzelpersonen ziemlich ausgeschaltet ausschalten.
Gut betankt und Lattenstramm erreicht man dann durchfroren, erschöpft und mehr oder weniger zielstrebig das Restaurant, in dem der Grünkohl mit der Pinkel serviert wird. Teils mit musischer und mehr oder weniger erwünschter Untermalung lässt man es sich dann bei dem reichhaltigen Essen gutgehen. Bis man platzt. Aber das ist erlaubt. Schließlich ist so eine Tour durch den Tiefschnee der Bremer Hochebene ja schon recht anstrengend. Am Ende des Mahles wird dann auch gern der Kohlkönig gekürt – der Depp des Abends, der die nächste Kohlfahrt organisieren muss.
Eine solche Tour ohne Handschuhe zu bestreiten ist dabei bei der momentanen Wetterlage eine eher suboptimale Idee, wie empirisch im Selbstversuch belegt werden konnte. Beim traditionellen In-den-Schnee-Pinkeln können verkrampfte Finger ganz schön hinderlich sein.. Wenn schon nicht beim Vorgang selbst, dann doch zumindest bei der feinmotorisch höchst anspruchsvollen Aufgabe, den Schuppen nach dem Verstauen der Gerätschaften wieder sicher zu verschließen. Die Nutzung von Leiharbeitern für diesen Prozessschritt hat sich dabei im Laufe des Abends bewährt – ein entsprechendes Vertrauensverhältnis vorausgesetzt.
Den Ausklang des Abends kann die Fart-Fahrt-Gesellschaft Kohlfahrt-Gesellschaft dann selbst bestimmen: Entweder wird der Abend nach ausgiebiger Verspeisung von Unmengen an Kohl beendet, oder es wird bis in die Puppen zu schlechten Partyhits und vergammelten Oldies getanzt. Oder -und das weckt den Tiger im Bier- man geht danach Schlittenfahren. Die letzte Bastion der Kinderspiele, die auch einen mittelmäßig ausgewachsenen Mann noch zu entzückenden Freudeschreien ermuntern darf.
Vollkommen erfroren, durchnässt, K.O. vom Wandern, Rodeln und Saufen kehrt man dann irgendwann wieder nach Hause zurück, um sich platt wie ein Kohlblatt aber glücklich wie ein Rehkitz kurz vor der Schlachtung ins Bett zu werfen und den Rausch auszuschlafen…und die Mitmenschen am nächsten Tag mit dem Resultat der Kohlfahrt des Kohls durch den eigenen Körper zu beglücken…
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