Shoppingfrust im Outlet-Center

Gestern klingelte das Telefon. Meine Bank war dran. Sie müssten mir mein Konto schließen, hieß es. Weil es voll wäre. Praktikantengehalt und Weihnachtsgeschenkegeld zugleich sind einfach zu viel für ein Konto, das es gewohnt ist, mit einer roten Nase durch die Gegend zu laufen. “Das ist wie der Magen eines Übergewichtigen. Der ist es auch gewohnt, immer gefüllt zu sein. Genauso ist es bei ihrem Konto – nur andersrum.” – Achso. Mein Konto führt also ein Eigenleben und ist magersüchtig. Na herzlichen Glückwunsch. Ich weiß schon, warum ich später keine Kinder will. Wenn das schon mit nem Girokonto nicht klappt…
Zum Glück kenne ich meinen personal Kundenberatertrainer aus der ein oder anderen Kindheit sehr gut und konnte ihn dazu bewegen, mir ein paar Tage Aufschub zu gewähren, um für eine adäquate Lösung des Problems zu sorgen. Eins war klar: die Kohle muss raus!

Also tat ich heute das, was ich (neben rumsitzen, still in der Ecke stehen, dumme Witze reißen und CO2 produzieren) am besten kann: Shoppen gehen!
Und wo geht das für einen armen reichen Studenten besser, als im größten Outlet-Center Norddeutschlands? Nirgends. Also ab in den Ochtum Park! Tommy, Nike-i, Puma-i und Adidasli warteten schon auf mich. Abfahrt um 10:30h! Aufstehen um 10:35h! Kaffee bis 11:30h! Abfahrt dann doch erst um 12:00h! Mann soll ja nichts überstürzen…

12:30 Uhr – Ankunft im Outlet-Center
Erster Schock: VOLL! Das Gelände (gefühlt doppelt so groß wie der benachbarte Bremer Flughafen) war voller als ein Schichtbus zu Feierabend. Dabei hatte ich mir durch meine antizyklische Tagesstartphase doch erhofft, in der ruhigen Mittagszeit gemächlich einkaufen gehen zu können. Leider hatte ich auf meiner Rechnung die Großmetzgereien Mc Doppel-D und Porno King vergessen. Also ab mit dem Wägelchen auf den Acker am Ende der Ranch, um dann gefühlte zwei Kilometer durch zwei Meter tiefen Morast zurück zu waten. Und ich hab zu Hause noch gescherzt: “Nein Mutti, eine Decke habe ich für den Notfall doch sowieso immer im Auto. Und einen Schal. Und eine Mütze. Und Handschuhe. Und ein Zelt. Und ein bereits entzündetes Lagerfeuer. Und ein Schlauchboot.” Klasse. Hätte ich das Schlauchboot mal wirklich eingepackt.

12:40 Uhr – Leichtes Aufwärmtraining
Man beginnt auf so einer Tour ja nicht mit den Leckerbissen. Ganz klar. Wegen denen ist man ja da. Die kommen in die Mitte des Trips. Vorher ein paar Kackläden zum warm werden und nachher ein paar Ramschgeschäfte, um sich selbst zu beweisen, dass man ja bereits die richtig tollen Sachen in der Tasche hat. Bei mir war das erste Geschäft ein Sportartikelhersteller mit einer Raubkatze als Logo. Der Laden stand überhaupt nicht auf meiner Liste. Denn von dem Hersteller habe ich in meinem ganzen Leben glaube ich noch nie etwas gekauft. Also rein da. Erstmal gucken. Sich mit dem Arbeitsgerät der nächsten Stunden vertraut machen: Kleiderständer drehen, Kleidermassen wegschieben, Grabbeltische umgraben.
Und genervte Rabattjäger aus dem Weg boxen. Menschen werden ja unfassbar unfreundlich, selbstsüchtig und engstirnig, wenn’s um Schnäppchen geht. Da benutzt die Mutti den Kinderwagen auch mal als Kuhfänger und schiebt ohne Rücksicht auf Verluste die halbe Kundschaft aus dem Laden.

12:50 Uhr – First Contact
Wir sind ja nicht zum Spaß hier. Also ab in den ersten ernsthaften Konsumtempel. Ab ins Land des geschwungenen Haken. Ab ins Fegefeuer aller Bewegungsmuffel. Rein in ein Meer aus Stollenschuhen, Kaputzenjacken und verschwitzten Shopping-Verrückten, deren einziger Sport der tägliche Griff zur Fernbedienung zu sein scheint.
Rein in die erste Niederlage.  Neben bunten Hässletten-Shirts und Bundeswehr-grünen Jogginghosen waren die einzig annehmbaren Kleidungsstücke natürlich nur in den Allerweltsgrößen XS und 4XL vorrätig. Logisch eigentlich. Die Bremer sind ja dafür bekannt, unfassbar klein und unscheinbar zu sein. Oder eben mit Godzilla-ähnlichen Ausmaßen ganze Stadteile aufzufressen.

13:15 Uhr – Heiter weiter
Also weiter im Text. Gibt ja noch genug anderes zu sehen. Vielleicht dieses mal edelster Zwirn vom Tom? Markenshops haben ja den Vorteil, dass sich nicht jedes Gesindel in ihnen herumtreibt, weil bereits am Eingang Schilder mit der Aufschrift “Kleingeld bitte draußen bleiben!” stehen. Nur eben leider nicht an Outlets. Bei denen steht “Tritt ein, bring kein Hirn herein!” an der Tür. Und das in großen Lettern.
Dementsprechend verhalten sich die Menschen auch. Da stürzt sich der Pöbel auf den Grabbeltisch mit Jeans wie ein Rudel hungriger Löwen auf einen Haufen blutiger Hamster. Vollkommen entstressbefreit findet man dann doch wundersamerweise vier Hosen, die passen könnten, presst sich Richtung Umkleide und wartet sich dann die Beine in den Bauch, da natürlich niemand ahnen konnte, dass drei Umkleiden bei fünfhundert Kunden zu wenig sein könnten. Das die Hosen dann im Endeffekt scheiße aussahen oder nicht passten, versteht sich von selbst.

13:45 Uhr – Schnell. Und erfolgreich.
Angepisst und vollgenervt ging’s dann noch zu einem großen Modelabel, dass sich was auf seinen französischen Namen einbildet. Und sich in diesem Billigmarkenland ein Schloß erbaut hat. Manch Erstliga-Eishockeymannschaft würde sich über eine Halle solchen Ausmaßes freuen. Ich nicht. Rein, raus in 50 Sekunden. Stinkende Menschenmassen und kreischende Kleinkinder haben eine unerwartet abstoßende Wirkung. Dass sich die Kundinnen dann mangels Umkleiden sogar schon mitten im Gang entblätterten, war zwar ein nettes Goodie, konnte mich aber trotzdem nicht zum Bleiben bringen.
In einem weiteren, nicht näher genannten Sport
artikelgeschäft wurde ich dann doch noch fündig. Frustkauf No. 1: Ein Laufshirt. 29,95. Nicht sonderlich billig, aber doch ein Schnäppchen. Das es dann an der Kasse plötzlich nur noch 19,95 kostete, konnte mir in dem Moment nicht mehr als ein müdes Lächeln entlocken.

Am Ende der Outlet-Odyssee stand also nicht viel mehr als ein günstiges Shirt, fünf geplante Mordanschläge an unliebsamen Mitmenschen, eine Million geplatzter Hirnzellen wegen Sauerstoffunterversorgung in muffigen Läden und eine Erkenntnis: Es lohnt sich nicht. Es lohnt sich einfach nicht, auf gut Glück nach den Feiertagen ohne Flammenwerfer oder Anthraxpakete einkaufen zu gehen. Entweder, man sucht etwas bestimmtes – oder man geht an einem Tag, an dem man seine Ruhe vor dem Rest der Menschheit hat.

Beides war mir heute nicht vergönnt…und der Tag war noch lange nicht zu Ende. Danach ging’s noch in die Innenstadt. Aber davon vielleicht ein anderes Mal mehr..

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2 Kommentare
Veröffentlicht in Gedöns am 30. Dezember 2009 um 00:11 Uhr

Tweets über diesen Post

  1. Till Klages sagt:

    Frisch im Blog: Shoppingfrust im Outlet-Center http://bit.ly/6e110P

Trackbacks

  1. [...] Geld, um endlich mal nicht mehr nur von Aldi-Nudeln leben zu müssen. Geld, mit dem man H&M, Outlet-Stores und diesen Second Hand-Läden, in denen man pro Kilo bezahlt, endlich den Rücken zukehren kann. [...]

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